Ein Anruf. Daniel Klinkhammer sagt mir, dass er gerade eine Krebsdiagnose bekommen hat, eine große OP bevorsteht und er erst mal alles absagen muss. Wir hatten mit ihm die nächste Clubtour auf seinem Betrieb geplant. Ich dachte sofort an Daniel: Wie wird das für ihn werden? Wird es gut ausgehen?
Ein paar Monate später sitzen wir zusammen und reden offen über das, was in der Zwischenzeit passiert ist. Die Diagnose, die OP, und vor allem die Frage, die für jeden Betrieb irgendwann relevant werden kann: Was passiert eigentlich, wenn der Betriebsleiter ausfällt? Daniel hat 200 Milchkühe in Nordrhein-Westfalen, und sein Betrieb ist in dieser Zeit trotzdem weitergelaufen. Wie das gegangen ist, davon erzählt diese Folge.
Die Diagnose kam ohne Vorwarnung
Daniel hatte Veränderungen am Zahnfleisch bemerkt, aber mit einem Tumor hat er nicht gerechnet. Der Zahnarzt schickte ihn zum Chirurgen, der Chirurg direkt ins Klinikum. Dort wurde eine Probe genommen, getestet, und Anfang Januar stand die Diagnose fest.
"Das hat einem schon den Boden weggezogen", sagt Daniel dazu. Er war allein im Krankenhaus, als er das Ergebnis bekam. Der erste Gedanke war seine Tochter. Direkt danach: wie geht es mit dem Betrieb weiter?
Ein Glück im Unglück: Der Tumor war verkapselt, hatte sich also nicht ausgebreitet. Das wusste Daniel zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht. Der Termin für die OP stand noch nicht mal fest.
Zehn Stunden OP und zwei Wochen, die geprägt haben
Was bei der OP gemacht wurde
Der Plan stand auf bis zu zwölf Stunden OP. Nach zehn Stunden waren die Ärzte fertig. Die vier vorderen Zähne raus, der Tumor raus, ein Sicherheitsschnitt inklusive einer Ecke vom Kiefer, vorsichtshalber zusätzlich Lymphknoten am Hals entfernt. Für die offene Stelle am Kiefer entnahmen die Ärzte ein Stück Haut samt Arterie vom Arm und setzten es dort ein.
Nach der OP lief es besser als gedacht
Alle Risiken, die ihm vorher genannt worden waren, Probleme mit der Hand, mit dem Sprechen, mit dem Essen, sind nicht eingetreten. Keine Komplikationen. Keine Chemo, keine Bestrahlung nötig. Rund fünfzehn Tage nach der OP kam die Nachricht, auf die alle gewartet hatten: Alles sauber.
Wer den Betrieb getragen hat, während Daniel ausfiel
Noch am Tag der Diagnose, bevor überhaupt ein OP-Termin feststand, ging die Planung los. Freunde und Verwandte wurden angefragt, bis Ende Mai wurde durchgeplant. Ein Betriebshelfer kam dazu, der laut Daniel nicht auf die Uhr geschaut hat. Sein Vater, der sich eigentlich schon aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen hatte, sprang wieder ein.
Aus Daniels Umfeld haben viele ihre Hilfe angeboten. Es entstand ein lange Liste mit Telefonnummern die nur knapp auf eine DIN-A4-Seiten zusammenkam. Gebraucht haben Daniel und seine Familie am Ende nur die nötigsten Helfer, aber die Absicherung war da. Die Feldarbeit wurde teilweise abgegeben, der Lohnunternehmer übernahm mehr, die Arbeit auf das Nötigste beschränkt.
Warum die tägliche Arbeitserleichterung genau dann Gold wert war
Was den größten Unterschied gemacht hat, waren Umstellungen, die Daniel schon vor der Diagnose angepackt hatte. Ein Boxenmoped für die Liegeboxenpflege inklusive Kalkdosierer. Vorher brauchten zwei Leute eine Dreiviertelstunde pro Runde. Jetzt schafft eine Person das in zwanzig Minuten, zweimal am Tag.
Dazu eine automatische Reinigungsanlage für die Kälbereimer. Vorher wurde aufwendig mit der Bürste gearbeitet, jetzt sind die Eimer nach dem Durchlauf blitzsauber, und selbst Daniels neunjährige Tochter kann die Maschine bedienen.
Investitionen in eine leichtere tägliche Arbeitswirtschaft sind Gold wert
Sie haben den Betrieb während Daniels Ausfall leichter am Laufen gehalten. Es macht auch einfach mehr Freude tägliche Handarbeit mit soliden Maschinen zu mechanisieren oder gar zu automatisieren. Auch der Futteranschiebe-Roboter trug seinen Dienst dazu bei.
Was sich für Daniel seitdem verändert hat
Vier Monate nach der OP kann Daniel fast normal mitarbeiten. Nur der linke Arm, an dem die Haut entnommen wurde, ist noch nicht voll belastbar. Was sich aber wirklich verändert hat, ist seine Denkweise.
Früher hat er abends im Stall immer noch eine Aufgabe gefunden, für die noch eine Stunde drin war. Das macht er nicht mehr. Wenn es die Zeit erlaubt, nimmt er sich nachmittags bewusst Zeit für seine Tochter und seine Partnerin, ohne an Arbeit zu denken. Und wenn auf dem Hof mal etwas schiefgeht, kann er es besser einordnen: Es gibt Schlimmeres.
"Weniger ist manchmal mehr" ist ein altes Sprichwort. Bei Daniel passt es seit diesem Jahr besser als vorher.
Mein Fazit
Was mich an Daniels Geschichte am meisten beeindruckt, ist nicht die OP selbst, sondern wie offen er mit allem umgegangen ist. Mit seiner Diagnose, mit der Unsicherheit, mit der Tatsache, dass er auf einmal auf andere angewiesen war.
Kein Betrieb ist gegen einen Ausfall des Betriebsleiters komplett abgesichert. Aber wer schon vorher an Arbeitserleichterung arbeitet und wer sich rechtzeitig ein Netzwerk aufbaut, auf das er im Ernstfall zurückgreifen kann, steht besser da als jemand, der das nicht hat.
2 Dinge die tun kannst
a) Lege einen einen Notfall-Ordner an. Damit kannst du Ehepartner und Team im Ernstfall mit den wichtigen Infos und Anweisungen versorgen. Auch wenn du nicht mehr ansprechbar bist.
b) Investiere in Maschinen und Abläufe, um die tägliche Arbeit für alle leichter zu machen.
Viel Freude mit deinen Kühen und genieß das Leben!
Dein Christian Völkner