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210 | Krise als Chance (Teil 2): Sichert Wachstum betriebliches überleben?


Wachsen oder Weichen.“ Ein Satz, den du in der Landwirtschaft wahrscheinlich schon oft gehört hast. Er klingt einfach. Fast wie ein Naturgesetz. Entweder du wirst größer oder du verschwindest. Doch genau hier lohnt es sich, einmal genauer hinzuschauen.

Denn so einfach ist es nicht. Am Ende dieses Artikels wartet außerdem wieder ein konkreter Trainingsimpuls, Eine Übung mit der du für dich herausfindest, was bei dir wachsen darf und was vielleicht bewusst weniger werden sollte.

Warum „Wachsen oder Weichen“ zu kurz greift

Der Gedanke hinter diesem Satz ist nachvollziehbar. Wer effizienter produziert, günstiger arbeitet und seine Prozesse optimiert, hat bessere Chancen, langfristig zu bestehen. Und oft wird daraus abgeleitet: größer = besser.

Doch genau hier liegt das Problem.

Diese Aussage wird häufig zu pauschal verwendet. Sie wird auf alle Betriebe übertragen – unabhängig von Situation, Zielen oder persönlichen Voraussetzungen.


Dabei sieht die Realität ganz anders aus:

  • Jeder Betrieb hat andere Rahmenbedingungen
  • Jede Familie hat andere Prioritäten
  • Jede Unternehmerpersönlichkeit tickt anders

Und genau deshalb gibt es nicht den einen richtigen Weg. Was für den einen Betrieb funktioniert, kann für den anderen genau der falsche Schritt sein.

Was wir von der Natur lernen können

Ein hilfreiches Bild ist das eines Samenkorns. Jede Pflanze durchläuft einen natürlichen Zyklus:

  • Sie entsteht
  • sie wächst
  • sie erreicht ihren Höhepunkt
  • und irgendwann macht sie Platz für Neues

Das gilt auch für Unternehmen. Jedes Unternehmen beginnt mit einer Idee, entwickelt sich weiter, wächst, verändert sich und passt sich an. Und manchmal bedeutet Entwicklung eben nicht nur Wachstum, sondern auch Loslassen.


Durch das Loslassen von einigen Tätigkeiten oder ganzen Betriebszweigen kann Platz für Neues entstehen.

Wachstum und Weichen gehören beide dazu. Die eigentliche Frage ist also nicht:

Wachsen oder Weichen?

Sondern: Wie gestalte ich meine Zukunft? An welchen Stellen ist wachsen dran und an welcher Stelle ist weichen besser?

Unterschiedliche Spielfelder – unterschiedliche Regeln

Ein entscheidender Punkt ist das Umfeld, in dem du dich bewegst. Es gibt Branchen, in denen Wachstum zwingend notwendig ist, um überhaupt bestehen zu können.


Zum Beispiel:

  • Lieferdienste, bei denen Größe direkt zu geringeren Kosten führt und ein harter Verdrängungswettbewerb herrscht
  • Start-ups, die schnell wachsen müssen, um die nächsten Finanzierungsrunden zu erhalten und am Markt zu überleben

Hier gilt oft: The winner takes it all

In der Landwirtschaft sieht es anders aus. Viele Betriebe haben nur begrenzten Einfluss auf ihre Verkaufspreise. Stattdessen geht es häufig darum, effizient zu arbeiten, Kosten im Griff zu behalten und langfristig gute Entscheidungen zu treffen. In der Landwirtschaft wird über Generationen gedacht und investiert.

Das bedeutet: Wachstum sorgt in vielen Bereichen für ein Kostendegression und kann sinnvoll sein – aber es ist nicht automatisch die einzige Lösung.

Wann Wachstum wirklich Sinn macht

Natürlich gibt es auch in der Landwirtschaft Situationen, in denen Wachstum absolut sinnvoll ist.


Zum Beispiel:

  • wenn du durch Größe effizienter arbeiten kannst
  • wenn neue Technik echte Entlastung bringt
  • wenn sich günstige Gelegenheiten ergeben (Flächen, Kooperationen)

Aber auch hier gilt: Wachstum sollte zu dir passen. Denn mit jedem Wachstumsschritt verändern sich die Anforderungen:

  • mehr Organisation
  • mehr Verantwortung
  • mehr Abstimmung mit Mitarbeitern
  • andere Rolle als Unternehmer

Und genau das wird oft unterschätzt. Es bringt dir nichts, wenn die Zahlen stimmen, aber die Arbeitsbelastung für schlechte Laune sorgt, oder du “plötztlich” eher Manager bist, obwohl du lieber im Melkstand stehst.


Wachstum kann auch anders aussehen

Wachstum bedeutet nicht automatisch „mehr Kühe“. Es gibt viele andere Formen von Wachstum, die oft mehr Sinn machen:

  • bessere Aufzuchtsleistung
  • höhere Lebenstagsleistung
  • optimierte Abläufe
  • reibungslosere Kommunikation
  • mehr Zeit für strategische Themen

Und genau hier liegt oft der größte Hebel. Du kannst deinen Betrieb deutlich weiterentwickeln, ohne zwangsläufig größer zu werden, sondern indem du besser wirst in dem, was du tust.


Wachsen als Unternehmer – unabhängig von der Betriebsgröße

Die Landwirtschaft verändert sich. Und das spürst du im Alltag. Mehr Bürokratie. Mehr Anforderungen. Das bedeutet automatisch: Deine Rolle als Unternehmer wird immer wichtiger. Und genau hier liegt eine Form von Wachstum, die nichts mit der Betriebsgröße zu tun hat:

Dieses Wachstum entscheidet oft darüber, wie stabil und zukunftsfähig dein Betrieb wirklich ist. Und das Gute daran: Diese Fähigkeiten kannst du lernen und weiterentwickeln. Nicht umsonst behandeln wir diese Themen der persönlichen Weiterentwicklung im Club der alten Kühe.

Drei Ansätze für dein betriebliches Überleben

Aus der Folge lassen sich drei wichtige Ansätze mitnehmen:


1. Finde heraus, was dich wirtschaftlich weiterbringt

Welche Maßnahmen sorgen dafür, dass dein Betrieb stabil läuft? Und zwar nicht nur kurzfristig, sondern auch mittel- und langfristig. Das bedeutet auch, sich ehrlich zu fragen: Was bringt wirklich etwas und was hält mich nur beschäftigt?


2. Hol dir Unterstützung von außen

Gerade wenn es eng wird, ist das ein entscheidender Schritt. Viele versuchen, alles alleine zu lösen. Doch genau das kostet oft unnötig Zeit und Energie. Unterstützung ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Professionalität. Ein Blick von außen bringt oft Klarheit, die man selbst im Alltag nicht mehr sieht.


3. Lerne Selbstmanagement und Kommunikation

In einer immer komplexeren Welt werden diese Fähigkeiten zum entscheidenden Faktor. Denn es geht nicht nur darum, was du tust – sondern auch, wie du dich organisierst und Entscheidungen triffst. Und genau das ist Handwerk, das du lernen kannst.

Trainingsimpuls: Was darf bei dir wachsen und was weichen?

Zum Abschluss dieser Folge gibt es wieder eine Übung. Nimm dir einen Zettel und teile ihn in zwei Bereiche:


  1. Wachsen / Steigern
  2. Weichen / Reduzieren

Und dann sammle ganz bewusst:

  • Was darf in deinem Betrieb mehr werden?
  • Was darf weniger werden?
  • Wo zieht es dich hin – und wo eher weg?

Wichtig dabei:

  • noch nichts bewerten
  • einfach sammeln
  • ehrlich zu dir selbst sein

Diese Liste darf wachsen. Du kannst sie über mehrere Tage ergänzen, immer wieder draufschauen und nachjustieren. So entsteht ein erstes Verständnis mehr Bewusstsein dafür, was sich bei dir verändern darf.

Ausblick auf Teil 3

In der nächsten Folge gehen wir noch einen Schritt weiter.

Dann schauen wir darauf, wie du mit deinen Ressourcen (Zeit, Energie, Geld) bewusst umgehst und wie du Dinge wirklich in die Umsetzung bringst.

Weiterführende Links

Deine nächsten Schritte

Viel Spaß mit deinen Kühen und genieße das Leben

Dein Christian Völkner